Der Mann vom Garnisonfriedhofs

Foto: onnola, CC BY-SA 2.0

Heute ist mir auf dem Heimweg von der Arbeit etwas merkwürdiges passiert: Anstatt wie immer direkt in die Bahn zu steigen, wollte ich zur Abwechslung mal ein paar Stationen zu Fuß gehen. Mein Weg führte dabei an der Mauer des alten Garnisonfriedhofs entlang. Als ich am Eingang vorbeikam, stolperte mir daraus ein Mann entgegen und quatschte mich an. Er wirkte nicht nüchtern, etwas verwirrt, nuschelte gebrochenes Englisch und war naja nicht unbedingt fein gekleidet.

Nun ist es so, dass ich mich nach mehreren Jahren Berlin daran gewöhnt habe ähnliche Fälle größtenteils zu ignorieren und einfach weiterzugehen. Am Ende geht es um Geld oder man wird mehr oder weniger brutal ausgeraubt. Ich habe schon die herzzereißendsten Geschichten gehört, z.B. von einem Menschen in der Bahn, der unbedingt noch ein paar Euro für wichtige Medizin brauchte. Kaum aus der Bahn nahm er die Münzen und steckte sie vor den Augen der Spender in einen Getränkeautomaten.

Zurück zu dem Mann von heute: Ich habe kaum verstanden, was er sagte, aber er bat mich eindringlich einen Krankenwagen zu rufen. Da er sich nicht halten konnte, rutschte er auf den Bürgersteig hinab und fing an zu zittern. Während ich noch überlegte, ob ich einfach weitergehen soll, sprach er von einem epileptischen Anfall. Ich versuchte irgendein Anzeichen dafür zu finden, ob er die Wahrheit sagte, denn für mich als Laien hätte er auch einfach total besoffen oder auf Droge sein können. Da mich das nicht weiter brachte, rief ich schließlich den Krankenwagen. Er gab undeutliche Wortfetzen von sich, sprach von einem Medikament, das er bräuchte. Ich googlete den Namen, der Mann hatte Recht. Ihm ging es nun sichtlich schlecht, dann rief er mir zu ich solle seinen Kopf halten und er bekam einen Krampfanfall. Nach fünf Minuten, die sich so anfühlten wie 10, kam endlich der Krankenwagen und die Sanitäter fuhren den Mann ins Krankenhaus.

Danach blieben mir viele Fragen: Was wäre passiert, wenn ich nicht dort entlang gegangen wäre? Oder wenn ich weitergegangen wäre? Es kamen in der Zeit fünf Passanten vorbei: Der erste sprach wenigstens zögerlich mit mir, um dann schnell erleichtert weiterzugehen, als ich den Krankenwagen erwähnte. Die anderen gingen an uns vorbei durch den Eingang zum Garnisonfriedhof, ohne ein Wort zu sagen. Nun ist ein epileptischer Anfall nicht direkt tödlich, aber gefährlich auf jeden Fall. Läuft man durch die Berliner Straßen sieht man regelmäßig jemanden regungslos am Boden liegen; und regelmäßig interessiert es keinen der Passanten. Mir schauderts vor den Fällen, in denen jemand wirklich Hilfe braucht und es keiner bemerkt.

Was mich selbst ärgert ist, dass ich recht lange gebraucht habe, um den Ernst der Lage zu begreifen. Bei einem Notfall kommt es immerhin auf jede Sekunde an. Hätte ich mit anderem Wissen anders reagiert? Schwer zu sagen. Ich nehme jedenfalls daraus mit: im Zweifel für den Zweifel.

Autor: Kim

Hi, ich bin Kim, Medienschaffender aus Berlin, der sich gerne mal in neuen spannenden Dingen austobt, seien es Medienprojekte, Weltreisen oder kulinarische Experimente.

2 Gedanken zu „Der Mann vom Garnisonfriedhofs“

  1. Im Zweifel lieber einmal mehr den Notruf wählen, als einmal zu wenig.

    Sagten mir bereits mehrere Male Polizisten bzw. auch Menschen aus dem Rettungsdienst. Die können viel besser diese Entscheidungen treffen und können auch über die Reichweite der Entscheidungen besser abschätzen. Und gerade in einer Großstadt wie Berlin ist es glaube ich wichtig, solche Menschen nicht zu übersehen. Das werden schon genug andere tun. Leider.

  2. > Im Zweifel lieber einmal mehr den Notruf wählen, als einmal zu wenig.

    Das was Stephan sagt. Ich hab vor 2 Jahren mal einen Kinder-Erste-Hilfe Kurs gemacht, und das war auch das Fazit: Immer anrufen, du selbst kannst die Situation höchst selten korrekt einschätzen. Am anderen Ende der Leitung sind die Profis, und wir können froh sein so ein gutes Rettungssystem in Deutschland zu haben.

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