Die perfekte Rasur

Foto: Flickr Commons

And now for something completely different: Die perfekte Rasur (natürlich auch für die Damenwelt interessant).

Früher: Trockenrasierer

In den Zeiten der Dreitagebärte gibt es immer noch Menschen, die eine gründliche und perfekt zelebrierte Rasur zu schätzen wissen. Da ich mit meinem Dreitagebart nicht viel anfangen kann, war ich bisher ein typischer Trockenrasierer. Es geht halt schnell und ist nicht sehr aufwendig: Anschalten, drüber fahren, fertig. Sehr unromantisch, laut und zweckdienlich. Mit der Zeit gaben allerdings meine beiden Rasierer den Geist auf. Bei meinem Philips HQ5812 funktionierte irgendwann nur noch der Langhaarschneider, beim Braun Series 1/190 nur der Scherkopf, die Akkuleistung ging stetig bergab. Austauschteile sind natürlich knapp und/oder teuer, ein Akkuwechsel ist nicht vorgesehen. Irgendwie müssen die Hersteller ja schließlich ihr Geld verdienen. Das merkt man umso mehr, wenn man sich durch die Produktpaletten arbeitet: Selbst die Toprasierer sind aus Plastik, haben keinen Wechselakku, dafür aber eine Säuberungsstation mit teuren Reinigungskartuschen und noch teureren Ersatzscherfolien. Berichte über die Soundoptimierung der Elektrorasierer bestätigen leider, dass Qualität hier eine untergeordnetere Rolle spielt. Neue Features sind die Dinge die zählen, seien sie noch so skurril. Denn damit hebt man sich von der Konkurrenz ab. So kommt es zu Kassenschlagern mit 3D-Kontur-Behaviour oder Moisture-Control-System.

Die Konsequenz: So konnte das nicht weiter gehen

Rasierbesteck aller Art: Palmolive Classic, Astra Superior, Merkur 34C, und ausgediente Billig-Rasierer

Also machte ich ab und zu Ausflüge in die Welten der Nassrasur. Probierte die üblichen Systemrasierer durch, wie den Mach 3 Power mit Vibrationsfeature, einen Wilkinson Hydro mit Glibberkissen, oder die günstigen Ein- oder Mehrwegrasierer vom Drogeriemarkt. Dazu Dosenschaum oder -gel aller Art. Hier das gleiche Bild: Überteuerte Klingen, überflüssige und teilweise sogar widerliche Features (Wilkinsons Hydro Alienglibber). Das Rasurerlebnis war nicht das Wahre, dauerte länger als bei den trockenen und war nicht so gründlich.

Das kann doch nicht alles gewesen sein? Wage kamen die Erinnerungen zurück an alte Westernfilme, in denen der Barbier sein frisch abgezogenes Rasiermesser über die eingeschäumten Hälse der Bösewichte strich. Wo sind die Zeiten hin, in denen eine scharfe Klinge und etwas Schaum ohne den ganzen Marketingschnickschnack genügte?

Die Erleuchtung

Meine Suche endete vorerst in diesem Tummelplatz für Rasurperfektionisten mit hervorragenden Tipps für die perfekte Rasur. Ich warf die unnützen Rasierschaumdosen in die Tonne, lernte mich richtig auf die Rasur vorzubereiten und echten Rasierschaum zu schlagen, der dem Dosenschaum weit überlegen ist. Schnell wurde klar, ein klassischer Rasierhobel und vernünftige Klingen mussten her. Eingewachsene Haarre, gereizte Haut und überteuerte Preise für Ersatzklingen sollten so der Vergangenheit angehören. Ein weiterer netter Nebeneffekt: Durch die Doppelklinge können beide Seiten des Rasierers genutzt werden. Ist die eine Seite »voll«, wird der Hobel kurz umgedreht und weiter gehts.

Letztendlich war ich stolzer Besitzer meines ersten Merkur 34C und einem Jahresvorrat an Rasierklingen. Das erste Rasurerlebnis war superb: Kein Cut, keine verstopften Klingen, gutes Ergebnis. Und das alles ohne nervige Motorgeräusche.

Der Merkur 34C Rasierhobel

Merkur 34C verchromter Kopf

Made in Solingen, ein wertiges Stück solider Verarbeitung. Verchromtes Metall, geschaffen für die Ewigkeit. Beim Merkur 34C handelt es sich um einen zweiteiligen Einsteigerhobel. Durch das drehbare Endstück des Griffes lässt sich die Kopfplatte abnehmen und die Rasierklinge einlegen. Der Klingenwinkel ist im Gegensatz zu den komplexeren Rasierhobeln fest eingestellt. Durch den geschlossenen Zahnkamm soll dem Hobel etwas an Aggressivität genommen werden. Andere Hobelmodelle unterscheiden sich neben den Einstellmöglichkeiten, dem Material, der Art des Kammes und dem Klingenwinkel in Länge und Dicke des Griffs.

Hier eine Einführung zum Thema Rasierhobel von Shavenation:

Und hier ein Video zum Merkur 34C in Aktion.

Rasierklingen

Merkur Rasierklinge und 34C

Pures dünnes Metall, kein Hydro- oder Plastikschnickschnack. Die Umweltbelastung ist deutlich geringer als bei Systemrasierern. Wenn nach einem Jahr eine Dose Klingen voll sein sollte, kommt sie einfach zum Altmetall. Eine Klinge soll im Schnitt für ca. fünf Rasuren ausreichen. Ein Nachteil gegenüber den Multiklingen der Systemrasierer ist nicht zu bemerken. Zum Anfang habe ich mir ein 100er Pack Astra Superior Platinum bestellt. Klingen von Derby und vor allem Feather sollen wohl auch was taugen. Perfektionisten ziehen die fabrikneuen Klingen übrigens vor dem ersten Gebrauch leicht durch einen Korken, um den Grat aufzurichten.

Rasierpinsel und Rasierseife

Hier kann man richtig Geld investieren. Für mich reicht bisher ein Standard Dachshaarpinsel und eine Tube Rasiercreme von Palmolive aus dem Drogeriemarkt. Rasiercreme ist beim Schaumschlagen etwas einfacher zu handhaben als feste Rasierseife, bereitet die Rasur aber ebenfalls deutlich besser vor als Dosenschaum oder -gel.

Warum kein Rasiermesser?

Eine Rasur mit dem Rasiermesser ist quasi der heiligen Gral der Nassrasur. Sie erfordert eine lange Einarbeitungszeit, großes Geschick und darüber hinaus das Wissen zur Erlangung der perfekten Schneidschärfe. Belohnt wird man mit einem soliden Werkzeug, welches Generationen überdauern kann. Außerdem ist man bei der richtigen Pflege nicht mehr auf Ersatzklingen angewiesen.
Dafür lasse ich mir aber noch Zeit.

Fazit

Es dauert natürlich etwas, bis man die richtige Hobeltechnik für sich gefunden hat. Dazu gehört einiges an Wissen bezüglich der Vorbereitung, des Rasierwinkels, der Druckstärke, der Wuchsrichtung der Barthaare, ein gewisser Hang zum Perfektionismus, kurzum: die ideale Beschäftigung für mich. Da eine gründliche Hobelrasur vom Schaum bis zum Aftershave mit ca. 10 Minuten doch zeitaufwändiger ist als eine Trockenrasur und ich den Hobel noch nicht perfekt beherrsche, benutze ich unter der Woche vorerst weiter den Elektrorasierer, bis ich das Prozedere perfektioniert habe. Am Wochenende gönne ich mir dann den echten Hobel-Genuß.

Zu den Preisen

Der Klingenverbrauch ist von Typ zu Typ unterschiedlich, deswegen kann man nicht pauschalisieren. Trotzdem hier ein Überblick über die Größenordnungen:

Braun Series 3/360: 88 €
Braun Ersatzscherfolie: 22 €
Nutzdauer ca. 6–18 Monate

20 Gillette Mach 3 Klingen: 37 €
Preis pro Klinge: 1,83 €
Gillette Mach 3 Power Systemrasierer: 12 €

100 Astra Superior Platinum Rasierklingen: 12 €
Preis pro Klinge: 0,12 €
Merkur Rasierhobel 34C: 44 €

Wer sich tiefer mit dem Thema beschäftigen möchte, sollte sich unbedingt diese Anleitung zur perfekten Rasur anschauen. Außerdem gibt es tatsächlich einen YouTube Kanal, der sich mit interessanten Rasurthemen beschäftigt.

Also, auf ihr Piraten zur fröhlichen Rasur!

PS: Auch Homer benutzt einen Rasierhobel.

Autor: Kim

Hi, ich bin Kim, Medienschaffender aus Berlin, der sich gerne mal in neuen spannenden Dingen austobt, seien es Medienprojekte, Weltreisen oder kulinarische Experimente.

14 Gedanken zu „Die perfekte Rasur“

  1. Wunderbarer Artikel Kim :)
    Das mit dem Korken finde ich ja grandios. Habe mir just einen Merkur Futur zugelegt (hatte vorher nur so einen Gillette Plastik-Einstiegshobel) und bin auf das Ergebnis gespannt.
    Bist bisher der erste den ich kenne der sich auch per Hobel rasiert. Freut mich :)
    Wie stark ist denn dein Bartwuchs?

  2. Hey Arne,
    endlich mal ein Hobelkollege :)
    Ja, allein schon die Geschichten um die Korkerei sind köstlich. So soll es ja auf einen Rumänen zurückgehen, der seine Klingen durch Rasierseife zog.
    Mein Bartwuchs hält sich in Grenzen, aber trotzdem gönne ich mir da das Rundum-sorglos-Paket :)
    Viel Spaß mit dem Futur, auch ein nettes Gerät.

  3. *lol*
    »Hobelkollege« ist ein fantastisches Wort :)
    Ja, bin sehr angetan vom Futur. Ist doch ’ne andere Marke.
    Vielleicht blogge ich demnächst auch mal über meine Rasur, dann sag ich Bescheid ;)

  4. Danke für diesen Artikel und deinen Blog.

    Ich kann mit eine Rasur ohne Rasierhobel gar nicht mehr vorstellen. Natürlich, wenn man sich das erste Mal mit einem Rasierhobel rasiert muss man sich umstellen und es wird wohl auch den einen oder andere Schnitt geben.

    Nach der Eingewöhnungsphase aber, will man nie mehr zu einem Gillette zurückkehren.
    Ich hasse es immer, wenn ich nur nur mit Handgepäck verreise und keine Klingen mitnehmen kann.

    Falls du interessiert bist, ich habe vor kurzem auch über dieses Thema auf meinen Blog einen Artikel zum Thema Rasierhobel publiziert: http://mannbibel.com/wordpress/2015/01/05/1-rasiere-dich-wie-ein-mann-mit-einem-rasierhobel/

    Danke und Gruss
    Ray

  5. Kim! Man! Der Artikel ist super, aber ich will Kritik äußern. Ich will mehr davon! Aber das nächste mal mit eigenen Bildern. Das Titelbild hat so viel Vorfreude geweckt!

  6. Danke für den tollen Artikel.
    Ich habe mit dem gleichen Hobel angefangen, fand aber das wechseln/drehen der Klingen etwas fummelig.
    Abhilfe war dann ein Butterfly Hobel von Parker.
    Kein fummeln mit 3 Teilen, sondern ein Dreh am Griff, und schon kann man die Klinge sicher wechseln.
    Zur Zeit kann ich nur sagen: Einweichen entfällt wenn man erst duscht, dann eine Seife in einer großen Dose in der man direkt aufschlagen kann, und schon ist man fast genauso schnell wie mit System / Elektro.
    Bei Seifen, günstig und gut: Proraso. Toll für Anfänger.
    Mittlerweile nehme ich nur noch D.R.Harris im Holzbehälter. Auf den ersten Blick sehr teuer, aber: Hält ewig. Und bei den Klingen bin ich auch bei Astra hängen geblieben.

    Fazit: Wenn man sich etwas vom Babypo-Wahn verabschiedet (Der bei mir eh nur 1-2h bleibt) und 2 Mal mit dem Strich rasiert, wird man mit einer guten und gleichzeitig unglaublich schonenden Rasur belohnt. Anfangs hatte ich auch Angst, aber die Praxis hat gezeigt: Mein Alaun-Stein für den Notfall liegt fast unbenutzt im Schrank.

    Also Männer: Traut Euch.

  7. Zum Thema Schnittwunden und Trauen. Wie Lazar geschrieben hat ist ein Alaunstein ein treuer Begleiter um die Haut zu beruhigen und kleine Wunden schnell zu schließen. Kürzlich habe ich dann auch Hamamelis Gesichtswasser (http://hamamelis.info/hamamelis-gesichtswasser/) im Geschäft gesehen und muss zugeben, dass es mich überzeugt hat. Ich verwende jetzt kein anderes Aftershave mehr, einmal kurz warm, dann kalt abwaschen und anschließend das Gesichtswasser auftragen – fertig. Und ganz klares Votum für den Hobel! Traut euch!

  8. Hallo Hobel Kollege.
    Obwohl der Artikel etwas älter ist, gefällt er mir sehr. Ich rasiere mich seit 20 Jahren ausschließlich mit Hobel, Seife und Pinsel (mittlerweile auch den Kopf). In dieser Zeit habe ich mir eine ganze Batterie an Hobeln zugelegt und will gar kein anderes Rasierzeug mehr. Meine Lieblingshobel sind der Merkur Futur und der Fatip Grande. Die Lieblingsseifen sind die Tabac Original und Cella Extra Extra Purissima.

  9. Über drei Jahre ist dieser Artikel nun alt! Wird vielleicht mal Zeit für ein Update :) Freut mich sehr, dass hier in den Kommentaren immer noch weiter Tipps eintrudeln!

  10. Man muss sich daran gewöhnen, aber RASIERHOBEL unbedingt verwenden Ihr werdet sehen was ich meine ;) Am Anfang war ich skeptisch aber mitlerweile verwende ich Rasierhobel seit 2 Jahren und bin seh sehr sehr zu frieden :)
    LG

  11. Hallo Kim,

    schön etwas über die Nassrasur in deinem Blog zu lesen. Wir sind zwar eher die Systemrasierer-Verfechter, haben aber auch schon Erfahrung mit einem Rasierhobel machen können.

    Für mich persönlich war mein mehrmonatiger Ausflug in die Welt der Hobelrasur ehrlich gesagt nichts, weshalb ich wieder bei den normalen Nassrasierern gelandet bin. Ich habe auch verschiedene Klingen ausprobiert, die teilweise sogar so scharf waren, dass ich schon beim Einlegen oder Entfernen ständig Schnitte in den Fingern hatte. Feather waren das glaube ich. Ich bin aber ehrlich gesagt auch ein riesiger Tollpatsch. :D Insgesamt wurde ich einfach nicht warm mit dem Rasierhobel, mit passender Technik ging die Rasur mit dem Systemrasierer morgens im Halbschlaf viel besser vonstatten.

    Viele Männer (und auch Frauen) wechseln – wie du auch selbst schreibst – zum Rasierhobel, weil sie mit der Rasur mit dem Systemrasierer schlichtweg nicht zufrieden sind. Mit den x-Tausend-Klingen-Systemen der bekannten Hersteller bekommen viele Menschen keine wirklich gründliche Rasur hin, sondern plagen über übrig gebliebene Stoppeln, Rasurbrand und co. Dabei ist oft gar nicht das Rasierwerkzeug selbst Grund für Probleme bei der Rasur. Das Problem liegt meist schon bei der richtigen Vorbereitung und Ausführung der Rasur. Wir haben auch etwas über die Probleme mit den Hautirritationen bei uns geschrieben, wenn es erlaubt sei darauf hinzuweisen: http://www.systemrasierer.de/rasieren-ohne-pickel/ :)

    Wir würden über das von dir in den Kommentaren angesprochene Update freuen!

    Beste Grüße,

    Pascal

  12. Ich nehme die Rasierer und Klingen von Aldi (nord). Den gleichen gibt es auch bei Rossman. 4 Klingen kosten 3,79. Hatte vorher auch den Mach3 turbo. War mir auch zu teuer. Die Aldi Dinger kommen an den Gilette natürlich nicht ran aber so viel schlechter sind sie auch nicht. Den Magneten (Blade master) habe ich auch. Ob er wirklich was bringt, kann ich nicht sagen. Bei mir dient er als Ablage.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.