đŸ‡ŻđŸ‡” Japan: AuffĂ€lligkeiten und Besonderheiten

Zwei Wochen in Japan reichten schon dicke aus, um mich danach gedanklich monatelang zu beschĂ€ftigen. Hier soll es aber nicht um ausfĂŒhrliche Reiseberichte der StĂ€dtetrips und AusflĂŒge gehen, sondern um das, was man so zwischen den Zeilen erlebt.

Omikuji enthalten Wahrsagungen. Sollten diese schlecht ausfallen, werden diese fĂŒr gewöhnlich an Zweige geknotet, damit das UnglĂŒck dort verweilt.

WĂ€hrend meiner letzten Urlaube habe ich angefangen, mir Dinge aus dem Alltag aufzuschreiben, die mich fasziniert oder erstaunt haben, quasi als Ersatz fĂŒr ein ausfĂŒhrliches Reisetagebuch. Ich finde ja, dass es die kleinen Details sind, die ein Erlebnis so besonders machen. Damit davon auch mal was in diesen Blog zurĂŒckfließt, fangen wir heute mit dem jĂŒngsten Urlaub an. Es folgt eine nicht kurze Liste mit subjektiven, unstrukturierten, stichpunktartigen und ausfĂŒhrlichen EindrĂŒcken aus
 Japan! đŸ‡ŻđŸ‡”

Es waren zwar nur zwei Wochen im November, aber die reichten schon dicke aus, um mich danach gedanklich monatelang zu beschĂ€ftigen. Die erste Woche ging es nach Tokyo, die zweite nach Kyƍto, jeweils mit TagesausflĂŒgen nach Fujiyoshida, Nikkƍ, Nara und Koyasan. Kleiner Disclaimer: Vom richtig lĂ€ndlichen Leben haben wir also nicht so viel mitbekommen. 😉 Hier soll es aber nicht um ausfĂŒhrliche Reiseberichte der StĂ€dtetrips und AusflĂŒge gehen, sondern um das, was man so zwischen den Zeilen erlebt.

Freundlichkeit, Höflichkeit und das Gemeinwohl

In Japan haben der respektvolle Umgang untereinander und das Handeln zum Wohle der Gemeinheit einen hohen Stellenwert. Unsere Begegnungen waren stets höflich aber gleichzeitig nicht aufdringlich. Bei Orientierungslosigkeit wird einem meistens nach bestem Wissen und Gewissen weitergeholfen. Auch wenn ich schon gehört habe, dass in Japan einem lieber falsch als gar nicht geholfen wird, ist uns das zum GlĂŒck nicht passiert. Überhaupt waren die Menschen unerwartet zuvorkommend: In einem Supermarkt beispielsweise hat mich eine Kassiererin darauf hingewiesen, dass die Kekse, die ich kaufen wollte, nur noch ein paar Tage haltbar sind, weil sie davon ausging, dass ich diese als Geschenk fĂŒr Weihnachten mitnehmen wollte. An einem Bahnautomat hat uns ein Ă€lterer Japaner einfach ein Ticket gekauft (obwohl wir es gar nicht gebraucht hĂ€tten). Dazu kommen viele Kleinigkeiten im Alltag: Menschen tragen z. B. Atemschutzmasken, um andere vor Erkrankung zu schĂŒtzen, und viele GrundbedĂŒrfnisse sind kostenlos (Wasser im Restaurant, öffentliche Toiletten, Tee im Hotel, 
).

AuffĂ€llig ist, dass es in der Öffentlichkeit sehr menschelt, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Man begegnet hĂ€ufig pflichtbewussten, uniformierten Menschen, die TĂ€tigkeiten nachgehen, die es bei uns nicht (mehr) gibt, wie z. B. Einweiser fĂŒr ParkhĂ€user mit Headset und Lautsprecher, Menschen mit Warnweste und Leuchtstab, die die Menschenmassen ĂŒber die Ampel-Kreuzungen leiten oder daran hindern, einen BahnĂŒbergang zu betreten, Teams an Bahnstationen, die als Ansprechpartner fĂŒr Verirrte zur VerfĂŒgung stehen, Bewacher von Toren, etc.

NatĂŒrlich darf man hier nicht Freundlichkeit mit Höflichkeit verwechseln, man merkt schon, wenn das eine oder das andere ĂŒberwiegt. Es ist auch nicht so, dass sich alle jederzeit an Etikette und Regeln halten, wie man vielleicht durch diverse Social-Media-Posts denken könnte.

Dass Japaner sich dem Gemeinwohl verpflichtet sehen, hat einen faden Beigeschmack. So ist einerseits die Tötungsrate in Japan im weltweiten Vergleich mit 0,3 (Tötungsdelikte pro 100.000 Einwohner) extrem gering (Deutschland: 1,2), andererseits ist die Suizidrate im Vergleich mit 23,1 (Suizide pro 100.000 Einwohner) extrem hoch (Deutschland: 13,0).

Kawaii

WĂ€hrend Erwachsenwerden hier bedeutet, kindliches Verhalten möglichst komplett abzulegen, hat Japan kein Problem damit, jung zu sein, und zeigt das bei jeder Gelegenheit. Das japanische Wort dafĂŒr ist Kawaii, was soviel heißt wie »niedlich«. Kawaii-Elemente finden sich ĂŒberall, z. B. in der Bahn, auf Warnschildern, in Medien, Spielen, GeschĂ€ften, öffentlichen Einrichtungen, Banken, 
 Ich kann mir sogar vorstellen, dass der japanische Steuerbescheid kawaii ist. EuropĂ€er wĂŒrden da erstmal skeptisch die Stirn runzeln. Auch wenn ich frĂŒher Hello Kitty gehasst habe, muss ich schon gestehen, dass die permanente Kawaii-Bombardierung mir oft ein Grinsen ins Gesicht geschnitzt hat.

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Hygiene

Reinlichkeit und Hygiene sind in Japan sehr wichtig, was einem im Alltag ĂŒberall auffĂ€llt:

  • Bei der klassischen Teezeremonie besteht gefĂŒhlt die HĂ€lfte der Handlungen aus Reinigung; das Reinigungstuch fĂŒr die Utensilien wird dabei mehrmals systematisch gefaltet.
  • Es gibt Situation, in denen man die Schuhe ausziehen (Tempel) oder wechseln muss (Badezimmer).
  • Im Restaurant werden anfangs feuchte TĂŒcher gereicht und es gibt kleine LĂ€tzchen fĂŒr spritzigen Angelegenheiten, z. B. beim Tischgrill.
  • Man sieht sehr viele Menschen mit Atemschutzmasken. Wobei mir hier nicht ganz klar ist, ob es den Menschen wirklich noch um die potentielle Ansteckungsgefahr geht oder ob es manchmal nicht doch eher eine Bequemlichkeitssache ist (keine Lust sich zu rasieren oder Make-up aufzutragen, Ninja-Feeling etc.).
  • Die Straßen sind so sauber, da könnte man von essen, wirklich. So saubere Straßen habe ich in Millionen-StĂ€dten noch nie gesehen! Und das funktioniert, obwohl es so gut wie keine öffentlichen MĂŒlleimer gibt. Sehr faszinierend, in Berlin ist es nĂ€mlich genau andersrum: Es gibt alle paar Meter einen MĂŒlleimer und der MĂŒll liegt trotzdem auf der Straße.
  • Irgendwo habe ich aufgeschnappt, dass Schulkinder ihre Schulen selbst putzen mĂŒssen, um Verantwortung fĂŒr sich und andere zu erlernen. Der Grundgedanke unterscheidet sich schon deutlich von einem »Ach, morgen kommt hier doch eh die stĂ€dtische Reinigung vorbei«, schon alles gehört.
  • Toiletten! Die bekommen ein eigenes Kapitel, siehe unten.
  • Verpackungen: Zum Thema MĂŒll gibts unten auch ein eigenes Kapitel.
  • Was wĂ€re Japan fĂŒr ein Land, wenn es dort nicht auch die ĂŒbliche Doppelmoral gĂ€be. So findet man z. B. in öffentlichen Toiletten selten Seife oder man niest sich gerne in Hand. Das wĂŒrde einem aufgeklĂ€rten EuropĂ€er ja niemals passieren, da lernt man schließlich, sich in die Armbeuge zu niesen!

Japanische Toiletten

Japanische Toiletten sind der Wahnsinn. Kurz: Ich will so ein Ding haben! Solange man es nicht ausprobiert hat, wirkt es vielleicht merkwĂŒrdig, verspielt und unnötig. Aber ich kann euch sagen: Die ganzen Funktionen und Knöpfe sind ein wichtiger Evolutionsschritt fĂŒr die Menschheit! Der beheizte Toilettensitz ist etwas, was ich zurĂŒck im kalten Deutschland schon oft vermisst habe. Der Reinigungsstrahl ist auf jeden Fall schneller und hygienischer als archaische Holzpappe. Gut, auf den Abfluss-GerĂ€usch-Simulator kann man als selbstbewusster Mensch verzichten. Die LED-Unterbrillenbeleuchtung ist vielleicht auch eher ein Bonusfeature. Aber zum GlĂŒck gibts eine breite Auswahl an verschiedenen Modellen fĂŒr jeden Geschmack, darunter welche mit integriertem Waschbecken oberhalb des SpĂŒhlkastens. Eigentlich auch naheliegend: Wenn man schon den SpĂŒlkasten mit Wasser volllaufen lĂ€sst, kann man es dabei genauso gut zum HĂ€nde-Waschen abgreifen.

Öffentliche Toiletten sind ĂŒbrigens in der Regel sehr sauber und kostenlos!

MĂŒll

Japan ist ein Plastikverpackungsland, was vermutlich mit dem o. g. Stellenwert von Hygiene zusammenhĂ€ngt. Kann man etwas verpacken, wird es verpackt. Das nimmt manchmal ziemlich skurrile ZĂŒge an, wenn man z. B. sieht, dass Croissants, Äpfel, oder auch TortenstĂŒcke (die aber trotzdem zu einer ganzen Torte zusammengelegt sind) einzeln in Plastikfolie verpackt sind. Geht man im Supermarkt mit seinem Einkauf zur Kasse, wird dort gerne doppelt oder manchmal auch dreifach in PlastiktĂŒten eingepackt. Als aufgeklĂ€rter Berliner habe ich dem natĂŒrlich anfangs widerstanden und gesagt, dass ich keine TĂŒte brauche (»No Bag, please!«). Irgendwann habe ich allerdings resigniert aufgegeben, weil man im Alltag mit PlastiktĂŒten nur so zugeworfen wird und es praktisch unmöglich ist, sich dem zu entziehen. Schaut man einmal versehentlich zu lange weg, ist der Einkauf schon in einer TĂŒte gelandet. Außerdem scheint das TĂŒten-Verpacken tief im Bezahl-System der SupermĂ€rkte verankert zu sein: Wird auf eine TĂŒte verzichtet, bekommt jede Ware stattdessen einen kleinen Aufkleber verpasst, damit die Angestellten erkennen können, was schon bezahlt wurde. Auch nicht viel besser. Immerhin kann man die PlastiktĂŒten in Ermangelung öffentlicher MĂŒlleimer als MĂŒlltĂŒten wiederverwenden (siehe Kapitel Hygiene).

Immerhin gibt es Anzeichen von Recycling: So findet man manchmal separate MĂŒlleimer fĂŒr GetrĂ€nkeflaschen. Auch habe ich öfter gesehen, dass es Kombi-MĂŒlleimer mit jeweils einem Fach fĂŒr burnable und non burnable gibt: Ein interessantes Konzept, von dem ich hier bisher nur in der Theorie gelesen habe, was aber effektiver sein kann, als unsere komplexe MĂŒlltrennung, bei der zwei Drittel des RecyclingmĂŒlls am Ende doch wieder in der Verbrennungsanlage landet. Ich habe interessehalber versucht, vergleichbare Statistiken zur Recyclingquote der beiden LĂ€nder zu finden, leider erfolglos. Immerhin bin ich auf einen Bericht der Weltbank aus dem Jahr 2012 gestoßen, der den MĂŒllverbrauch pro Kopf weltweit vergleicht: Dort liegt Deutschland mit 2,11 kg MĂŒllverbrauch pro Kopf pro Tag auf Platz 34 noch vor Japan mit 1,71 kg auf Platz 47.

Verhalten in der Öffentlichkeit

Auch wenn ReisefĂŒhrer und Berichte gerne etwas anderes sagen: FĂŒr Menschen, die halbwegs okayes Englisch sprechen können, ĂŒber einen gesunden Menschenverstand und vielleicht sogar eine Übersetzer-App verfĂŒgen, ist es wirklich nicht schwer sich zurecht zu finden. Bei Reisen in entfernte LĂ€nder merke ich immer wieder, dass diese Angst und Skepsis im Kopf absolut unbegrĂŒndet ist, denn meistens kann man sich ĂŒber wildes Gestikulieren genauso gut ausdrĂŒcken. Da fand ich es ehrlich gesagt fast schon schwieriger, mir in Frankreich mit gebrochenem Accent Circonflexe einen Croissant zu bestellen.

Nichtsdestotrotz gibt es ein paar Besonderheiten zu beachten:

  • Orientierungs-Karten an Tafeln oder auf dem Boden sind in Blickrichtung ausgerichtet, nicht nach Norden. Das ist einerseits super praktisch, wenn man sich mal daran gewöhnt hat, andererseits findet man diese Kartenausschnitte auf anderen Karten dann meistens nicht wieder, weil man sie nur verdreht kennt.
  • Die Englischkenntnisse der Menschen reichen in den Touristengebieten absolut aus, um sich gut zurechtzufinden. Nur einmal bin ich bei einer Bestellung grandios gescheitert, aber auch da eilte schnell eine Kollegin der errötenden Bedienung zu Hilfe.
  • Die Körpersprache unterscheidet sich in manchen Punkten schon deutlich von der hiesigen und ist auch relativ wichtig. Hier gibts ein paar Beispiele.
  • Sowohl in Tokyo als auch in Kyoto gab es, nun ja, wenig modische Ausnahmeerscheinungen. Sehr beliebt war der schwarze Anzug, gefolgt vom schwarzen Anzug und manchmal auch einem Anzug in schwarz.
  • Es gibt so gut wie keine öffentlichen MĂŒlleimer.
  • Es gibt weniger Sitzgelegenheiten als bei uns, wo man alle paar Meter rasten kann. Vielleicht ist eine ErklĂ€rung, dass dort der Asian Squat sehr verbreitet ist (nennt sich hier Hocke und soll ĂŒbrigens ziemlich gesund sein).
  • Raucher dĂŒrfen sich in Smoking Areas ihren GelĂŒsten hingeben, die so Ă€hnlich aussehen wie rundum milchverglaste Bushaltestellen.
  • Man begegnet öfter arbeitenden Menschen in der Bahn, aber keiner von denen, die ich gesehen habe, hatte ein MacBook.
  • Vielleicht bin ich etwas Berlin-geschĂ€digt, aber fĂŒr eine 10-Millionen-Stadt lĂ€uft es in der Öffentlichkeit recht gesittet ab. Weder zwielichtige Dealer noch pöbelnde Fußballfans sind uns untergekommen.
  • Es gibt ĂŒ-ber-all GetrĂ€nkeautomaten. Der Gipfel eines prĂ€chtigen Berges mitten in der Natur: GetrĂ€nkeautomat. Eine einsame Straßen-Kreuzung auf dem stillen Pilgerpfad: GetrĂ€nkeautomat. Ich bin ein großer Fan geworden. Die Dinger funktionieren super und erfreuen das durstige GemĂŒt. Anders als bei uns kann man ĂŒbrigens nicht durch eine Scheibe in den Automaten hineinsehen, es ist lediglich oben eine Reihe Modellflaschen zu sehen oder die gesamte Front besteht aus einem Display. Ich kann mir vorstellen, dass das konstruktionstechnisch einige Vorteile hat. Zumindest knallt die Sonne dann nicht so rein.
  • Ach, Bargeld, wer braucht schon Bargeld. Wir bezahlen alles mit der Kreditkarte! Denkste. Nur in den seltensten FĂ€llen wurden Kreditkarten akzeptiert, Japan ist ein noch schlimmeres Bargeldland als Deutschland. Im Bus gibt es z. B. ein MĂŒnzeinwurfloch, das man nur passend bezahlen darf. Zum MĂŒnzwechseln steht dann daneben ein separates MĂŒnzeinwurfloch bereit. Die privaten Bahngesellschaften bieten allerdings Guthabenkarten an (Suica/Pasmo), die abseits von Bussen und Bahnen auch in vielen GeschĂ€ften akzeptiert werden.
  • Aus Gestalter-Perspektive ist das öffentliche Schriftbild leider ziemlich ĂŒberladen und chaotisch. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es in Japan drei(!) Schriftsysteme gibt, die gleichzeitig im Einsatz sind (Kanji, Hiragana, Katakana).
  • Die Geschossbezeichnung ist einfacher. EG, 1. OG, 1. UG in Deutschland entsprechen in Japan 1F, 2F, 1BF (oder 1B). Sieht man draußen große Werbebanner am Hochhaus, ist meistens auch direkt die Geschossnummer mit angegeben, damit man nicht lange suchen muss.
  • Tendenziell hĂ€ngt alles etwas tiefer. Vor allem im Hotel ist das auffĂ€llig (Tische, Waschbecken, Spiegel, Decken, 
). Mit ein Grund dafĂŒr dĂŒrfte sein, dass man in Japan viele TĂ€tigkeiten im Sitzen ausĂŒbt, wie z. B. das Duschen.

Essen

Hach, was soll ich da noch groß drĂŒber schreiben
 Das Essen ist durch die Bank weg leckerer und gesĂŒnder, als das was ich gewohnt bin. Außerdem findet man immer wieder nette Experimente, die man hier nicht so kennt, wie beispielsweise grĂŒne Schokolade (durch Matcha-Zumischung) oder transparente Cola. FĂŒr Vegetarier ist es leider etwas schwieriger: Es gibt fast nichts ohne Fleisch. Kleine Anekdote: Ein Restaurant haben wir uns extra ausgesucht, weil die Gerichte so lecker fleischig aussahen, und tatsĂ€chlich hatten wir damit eines der seltenen vegetarischen Restaurants gefunden.

Die Restaurant-Preise sind im Vergleich recht gĂŒnstig, Ramen gibts z. B. fĂŒr „800 (6 €). Bier ist im Restaurant mit etwa „500 (4 €) relativ teuer. Noch gĂŒnstiger bekommt man Mahlzeiten in den Kombinis, den kleinen SupermĂ€rkten, die durchgehend geöffnet haben. Dort wird einem das Essen sogar bei Bedarf aufgewĂ€rmt zum Direktverspeisen.

Man braucht ĂŒbrigens keine Angst vor »ungewöhnlichem« Essen zu haben, das meiste ist fĂŒr westliche Gewohnheiten kein Problem. Uns ist lediglich ein Restaurant untergekommen, wo fast das komplette Tier auf der Speisekarte stand (1. Magen, 2. Magen, Zunge, Innereien, etc.). Dank Google Übersetzer waren wir aber vorgewarnt, notfalls hĂ€tte man sicher auch nachfragen können. In einem anderen Restaurant habe ich mich auf Empfehlung eines Freundes hin an das laut Karte »lightly roasted locally traditional free land pedigree chicken« gewagt. Dabei handelt es sich quasi um rohes HĂŒhnchen, welches nur am Rand leicht angebraten ist. Die Bedienung hat mich sogar sicherheitshalber darauf hingewiesen, dass es rohes Fleisch ist. Und was soll ich sagen
 es war super lecker (»Oishii!«), saftig, wunderbar, und mein Magen hat sich nicht beschwert. Ein anderes Highlight war fĂŒr mich Mitarashi Dango, ein einfacher Snack aus einer Art Reismehl-Kugeln, der an einem kleinen Holzspieß ĂŒber Feuer erwĂ€rmt und mit Miso-Sauße bestrichen wird. đŸ€€

Besonderheiten im Restaurant

  • Japanisch-Kenntnisse sind zumindest in den Touristengegenden nicht nötig. Das Essen wird nĂ€mlich am Eingang naturgetreu als Modell prĂ€sentiert. (Realistische Essens-Attrappen sind auf jeden Fall ein typisches Japan-Kuriosum.) Falls es das nicht gibt, bekommt man meistens eine Speisekarte mit Bildern.
  • Es wird einem in der Regel ein Sitzplatz zugewiesen.
  • Es wird kostenlos Wasser bereitgestellt und stets nachgefĂŒllt.
  • Zu Beginn werden feuchte TĂŒcher gereicht.
  • Manchmal gibt es einen Knopf, um die Bedienung herbeizurufen.
  • Manchmal gibt es abgetrennte Raucherbereiche.
  • Das Essen wird nicht immer gleichzeitig serviert.
  • Bezahlt wird am Ende an der Kasse, das spart den aufwĂ€ndigen Bezahlprozess hierzulande (Winken, Kellner kommt, »Die Rechnung bitte «, Kellner geht, Kellner kommt, »Bittesehr, die Rechnung«, »Wir wĂŒrden gerne mit Karte zahlen«, Kellner geht, Kellner kommt mit LesegerĂ€t, »Dankesehr«, alle gehen).
  • Trinkgeld ist unĂŒblich. Mehr noch: Weil Trinkgeld als Anerkennung guter Leistungen gedacht ist und das gleichzeitig bedeutet, dass es auch schlechte Leistungen geben kann, wird es oft als Beleidigung empfunden. In Japan ist guter Service nĂ€mlich eine Grundvoraussetzung. Auch interessant: Den Sinn und Unsinn von Trinkgeld hierzulande analysiert dieser Artikel.

Einkaufen

SupermĂ€rkte sind der reinste Overkill, dagegen ist ein Lidl im Ausverkauf das Paradies. Wohin man schaut sieht man Werbung, eine Begrenzung der LautstĂ€rke nach oben scheint es nicht zu geben. Geht man von einem Regal zum anderen, ĂŒbernimmt der nĂ€chste, noch lautere Lautsprecher. (Übertroffen wird das ganze nur noch von diesen Spielhallen, wo ich mich wegen Tinitus-Gefahr nicht reingetraut habe.) Der zur VerfĂŒgung stehende Platz ist dabei minimal. Ich bin ja recht schmal gebaut, aber bei den engen Regalgassen bekomme ich AnflĂŒge von Klaustrophobie. Beim Umdrehen kann man versehentlich ein ganzes Regal mit dem Rucksack abrĂ€umen (ist zum GlĂŒck nicht passiert, aber ich war mehrmals kurz davor).

Ok, ganz so schlimm ist es nicht ĂŒberall. In Kombinis ist die AtmosphĂ€re in der Regel recht chillig, in den großen Einkaufszentren kann man auch ganz entspannt bummeln. Aber es gibt sie nicht selten, diese LautstĂ€rkehöllen der Hölle.

DafĂŒr wird man in den GeschĂ€ften meistens in Ruhe gelassen, aufdringliche VerkĂ€ufer habe ich nicht erlebt. Man bekommt lediglich alle paar Minuten von allen Seiten lustige Brabbeleien zugeworfen, die, wie ich spĂ€ter gelernt habe, der Höflichkeit dienen und eigentlich komplett ignoriert werden können. Irgendwo habe ich gelesen, dass in Kombinis diese Brabbeleien sogar aus einem Handbuch stammen und auswendig gelernt werden mĂŒssen. Eigentlich gar nicht so unĂ€hnlich zu unserem »Möchten Sie noch einen Kaffee zum Diesel?« oder »Haben Sie eine Payback-Karte?«

Verkehr

  • Es gibt keine Fahrradwege. Sehr nervig, weil man als FußgĂ€nger dauernd den Radfahrern ausweichen muss.
  • Alle Rolltreppen funktionieren! Und es gibt auch Minirolltreppen fĂŒr 10 Stufen. Zum Vergleich: RĂŒckreise, Zwischenstopp Flughafen Amsterdam, Rolltreppe kaputt

  • Es fahren viele kleine platzsparende KastenwĂ€gen herum. Eigentlich komisch, dass man die hier so selten sieht, da scheint eine Menge reinzupassen.

Bahn fahren (seufz)

  • PĂŒnktlichkeit! Ja, uns ist auch mal ein Zug mit 6 Minuten VerspĂ€tung untergekommen, aber in der Regel kann man nach den Ab- und Einfahrtszeiten die Uhr stellen.
  • U-Bahn: Oh ja, es kann sehr voll werden. In der Regel mussten wir stehen. Es wird auch viel gedrĂ€ngelt, aber so schlimm, wie in den Videos, wo die Bahnangestellten die Menschen in den Zug quetschen, war es dann doch nicht. DafĂŒr war es immer noch angenehmer als in Berlin, weil die Menschen darauf bedacht sind, die anderen nicht zu stören. Telefonate sind z. B. tabu.
  • Bei FernzĂŒgen gibt es Waggons mit reservierten SitzplĂ€tzen und welche mit freier Sitzplatzwahl. Das hierzulande bekannte Chaos bei defekter Sitzplatzreservierungsanzeige (was fĂŒr ein Wort) kann dort also gar nicht erst auftreten (»Entschuldigen Sie, aber ich habe hier reserviert!« – »Ach wirklich? Kann ich das mal sehen?« ☠). Allerdings gibt es auch ganze ZĂŒge, in die man nur mit Reservierung einsteigen darf. Wie man die Reservation-only-ZĂŒge von den gemischten unterscheidet, haben wir nicht herausgefunden. đŸ€·â€â™‚ïž
  • In Waggons mit Reservierung geht der Schaffner rum und scheucht falsch sitzende Menschen weg, sehr praktisch.
  • Im Shinkansen (Japans High-Tech-Schnellzug): Die SitzbĂ€nke werden vor Abfahrt in Fahrtrichtung gedreht, es gibt Raucherkabinen in manchen Wagen, das WLAN funktioniert und der Schaffner verbeugt sich jedes Mal vor den FahrgĂ€sten, wenn er den Waggon verlĂ€sst (kein Witz).
  • Die ZĂŒge stehen öfter mehrere Minuten vor Abfahrt direkt am Bahnsteig, so dass man also bequem im Zug warten kann.
  • Am Bahnsteig gibt es Markierungen fĂŒr die Ein- und Ausstiege mit Hinweis auf die Waggon-Art (reserviert ja/nein). Diese sind als kleine Wartegassen zum Anstellen aufgezeichnet, damit sich die ein- und aussteigenden Leute nicht ĂŒber den Haufen rennen.
  • Einfahrt in umgekehrter Wagenreihung? Hahaha, gibts nicht
 Dann wĂŒrden die Markierungen am Bahnsteig ja nicht mehr passen!
  • Einmal hat eine Omi ihren Ausstieg verpasst. Der Schaffner hat ihr daraufhin freundlich erklĂ€rt, dass sie einfach bei der nĂ€chsten Station aussteigen und zurĂŒckfahren kann. Das ganze funktioniert, so wie ich das verstanden habe, ohne Zusatzkosten, weil nur die Entfernung zwischen Start- und Endbahnhof berechnet wird. Dazu muss man sagen, dass alle Bahnhöfe mit Bezahl-Schranken ausgestattet sind, wovon ich ja generell aus mehreren GrĂŒnden ziemlich angetan bin.
  • Beim Ein- und Ausstieg gibt es am Bahnsteig unterschiedliche akustische Erlebnisse: Manchmal hört man ein lautes Gebimmel, manchmal schöne Melodien oder auch zwischendurch einfach mal Vogelgezwitscher. Jeder Bahnhof soll eine eigene charakteristische Melodie haben und damit beruhigend auf die gestressten Bahnfahrer wirken.
  • [An dieser Stelle 99 Rants gegen die Deutsche Bahn einfĂŒgen, warum das bei uns alles so steinzeitlich ist
]
  • Ok, eine Sache habe ich gefunden, die die Deutsche Bahn besser macht
 Bei der DB kann man Sitzplatzreservierungen online oder via App buchen. In Japan muss man dafĂŒr zu einem Service-Schalter gehen und sich einen Zettel mit Stempel holen. Ich meine, es gibt auch Automaten, wo man das machen kann, dann allerdings nur auf japanisch. Es kann aber auch sein, dass ich hier quark erzĂ€hle und das nur fĂŒr auslĂ€ndische Touristen so ist.
  • Abschließend noch ein kleiner Tipp: Man sollte sich nicht komplett auf Google Maps verlassen, denn dort sind nicht alle Bahngesellschaften enthalten. Besser: HyperDia.com

Unterm Strich

Insgesamt muss ich sagen, dass ich mir einen grĂ¶ĂŸeren Kulturschock vorgestellt habe. Das kann mit daran liegen, dass die Erwartungsmesslatte ziemlich weit oben hing und ich gleichzeitig halbwegs vorbereitet war (ĂŒbrigens, falls sich jemand dafĂŒr interessiert: das Buch Japan spielend in 60 Schritten (Partnerlink) kann ich sehr empfehlen). Auf den zweiten Blick ist es in Japan nicht wirklich so grundlegend anders als in Deutschland. Es handelt sich halt genauso um eine fortschrittliche Industrienation mit Ă€hnlicher Struktur — die Unterschiede merkt man im Detail, dort dann aber richtig! Viele der japanischen Eigenheiten sind faszinierend und erfrischend, erfrischend wie eine Flasche Ramune. Es gab unglaubliche Erlebnisse und tolle Begegnungen. Ich denke, das wird auf jeden Fall nicht mein letzter Japan-Besuch gewesen sein.

Autor: Kim

Hi, ich bin Kim, Medienschaffender aus Berlin, der sich gerne mal in neuen spannenden Dingen austobt, seien es Medienprojekte, Weltreisen oder kulinarische Experimente.

2 Gedanken zu „đŸ‡ŻđŸ‡” Japan: AuffĂ€lligkeiten und Besonderheiten“

  1. Interessanter Bericht!

    Aber wofĂŒr sind denn Abfluss-GerĂ€usch-Simulatoren gut? Sind die normalen GerĂ€usche so leise? Oder werden schönere GerĂ€usche drĂŒber gespielt?

    PS: Ein anderer, ganz interessanter Einblick in die japanische Gesellschaft ist die Serie „Terrace House“, die wir letztens auf Netflix entdeckt haben. Eine art japanisches Big Brother, das aber das genaue Gegenteil vom normalen Big Brother ist was Aufmachung (alles super schön und stilvoll, jeder entscheidet selber wann er das Haus verlĂ€sst, es gibt keine Aufgaben) und Drama (es gibt keins, alle sind super höflich :D) angeht.
    Jedenfalls ganz witzig zu sehen wie die sich so im Alltag verhalten.

  2. Hey!

    Aber wofĂŒr sind denn Abfluss-GerĂ€usch-Simulatoren gut? Sind die normalen GerĂ€usche so leise? Oder werden schönere GerĂ€usche drĂŒber gespielt?

    Deine Unschuld ist ja entzĂŒckend.^^ Es geht dabei eher darum, den anwesenden Mitmenschen etwas Leid zu ersparen.

    Ein anderer, ganz interessanter Einblick in die japanische Gesellschaft ist die Serie „Terrace House“, die wir letztens auf Netflix entdeckt haben.

    Ich hab interessehalber mal reingeschaut: So etwas anstĂ€ndiges wĂŒrde bei uns ja niemals im TV laufen. :D Danke fĂŒr den Tipp.

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